Wer nicht lesen kann, kann auch dem Mathe- oder Geschichtsunterricht nicht folgen. Lesen ist für jedes Schulfach Voraussetzung, und wer schlecht lesen kann, wird sich auch in jeder Fremdsprache schwer tun.
Nicht nur die Ergebnisse der PISA-Studien haben uns gezeigt, dass die Leseleistung vieler SchülerInnen sehr schwach ist, sondern wir stellen dies auch tagtäglich im Unterricht fest. Wir können auch nicht ohne weiteres davon ausgehen, dass alle Kinder in der Grundschule richtig lesen gelernt haben. PISA definiert Lesekompetenz als „geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potential weiter zu entwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“.
Für uns geht es aber auch um die emotionalen Aspekte des Lesens, und darum, Lesen als persönlichen Gewinn und ästhetischen Genuss zu betrachten.
Bei der Suche nach einer nachhaltigen und praktikablen Lösung, das Lesen in unseren Schulalltag stärker zu integrieren, haben wir uns von Stephen Krashen, einem Professor der University of Southern California, inspirieren lassen. Seine Studien haben uns beeindruckt und überzeugt. „Sustained Silent Reading“ kann man übersetzen mit „Nachhaltiges Leises Lesen“. Auf unsere Schule zugeschnitten gehen wir von folgenden drei Kernpunkten aus:
- Lesekompetenz ist ein dauerhafter Prozess und muss ständig erweitert und stabilisiert werden.
- Wir müssen Bedingungen für ein dauerhaftes Lesen schaffen, ein entsprechender schulischer Rahmen ist notwendig.
- Leseförderung ist nicht allein Aufgabe des Deutschunterrichts, alle Unterrichtsfächer müssen Verantwortung tragen.
Aufgrund dieser Überlegungen ist folgendes Konzept entstanden: Die Kinder lesen jeden Morgen, egal in welchem Fachunterricht, 10 Minuten für sich in einem Buch. Dank unserer großen und gut sortierten Bibliothek haben wir das Privileg, für jedes Kind individuell ein Buch auszuwählen, abgestimmt auf Interessen, Lesefähigkeit und Lesetempo. Seit Anfang des Schuljahres nehmen alle Klassen der Jahrgänge 5 und 7 an diesem Projekt teil.
Nach wenigen Wochen können wir sagen, dass die Kinder das Angebot sehr gut annehmen und dass selbst ‚Wenigleser‘ konzentriert und interessiert über ihrem Buch sitzen und daran Spaß haben. Ein Nebenaspekt dieser Art der Leseförderung ist, dass der Unterrichtsstart in einer ruhigen und konzentrierten Atmosphäre stattfindet und diese direkt in den weiter führenden Sachunterricht mitgenommen wird.
Wenn wir davon ausgehen, dass selbstständiges Denken, Verständnisentwicklung für Sachverhalte und die Entwicklung von Empathie nur durch Lesekompetenz erlangt werden können, so wissen wir, dass wir hier einen Schritt in die richtige Richtung gehen.
Eva Bachmann